Mittwoch, 24. November 2010

Jette & Jost: Der Versuch eines Interviews - Teil 4

Dies ist (endlich!) der vierte und letzte Teil unseres Interview-Versuchs mit Jost und jette (--> JostundJette@gmx.de <--). Teil 1 findet ihr hier, Teil 2 hier und Teil 3 hier.



Tabea: Habt ihr ganz normalen Sex auch? So klassisch?

Jost: Ja, klar. Mit Rohrstöcken, Seilen und so. Ganz normalen Sex.

jette: Wir haben auch Blümchensex.

Jost: Mit Blumen, ja.

Toni: Und Bienen, ja.

jette: Das ist wieder dieses Denken: "Boah, das sind SMler, die haben keinen normalen Sex mehr."

Jost: Ja, Moment. DIE SMler... Jetzt überleg doch mal: Die Zwei (gemeint sind T&T) gucken im Joyclub rum und sie wissen, das sind eigentlich nur karierte Sofa-Stars. Es gibt nur wenige interessante Leute und 80% davon haben zumindest einen Touch in die Richtung, dass sie hierarchisierenden Sex gut finden oder dem nicht komplett konträr gegenüber stehen. Also leiten sie daraus ab: Kann man sich ja mal angucken. Melden sich beim nächsten Portal an mit heftigeren Nummern. Und was sehen sie dort? Oder wenn sie zu einer Fete hingehen?

jette: Die Leute haben keinen Sex und alle SMler sind impotent. Ja, klar.


Toni: Nee. Ich hatte vor drei Jahren ein Date mit einem SM-Pärchen. Und ich habe auch nebenbei von SMlern unterschiedlicher Couleur Sachen mitbekommen. Also, ich kenne so ein bisschen das Spektrum, in dem sich das bewegt. Was die einen SM nennen, ist für die anderen noch gar nichts. Also das ist ganz, ganz bunt.

jette: Aber das ist in der Szene auch sehr verbreitet, dass man in einer wie auch immer gearteten BDSM-Beziehung keinen normalen Geschlechtsverkehr hat - bei dem beide gleichmäßig einfach nur Freude dran haben, ohne dass es da um die Hierarchie oder das Machtgefälle geht.

Toni: In unserem Blog hat eine SMlerin mal gepostet, die auch in einem SM-Portal angemeldet war, wo sie mit vielen Leuten in Kontakt gekommen ist, die SM ohne Sex gelebt haben. Da hat Sex keine Rolle mehr gespielt.

jette: Ja, gibt es sicherlich.

Jost: Das gibt es. Das sind sicherlich auch oft exponierte SMler, die ihren Film leben. Ob das nun literarische Vorlagen sind oder Selbstgestricktes. Das ist auch völlig berechtigt.

jette: Es kann ja jeder machen, was er will.

Tabea: Wenn aber der Andere anfängt, mit einem Dritten etwas aufzubauen, seid ihr eifersüchtig?

Jost: Toni hat offensichtlich bisexuelle Erfahrungen bei GayRomeo. Das habe ich noch nicht; ich habe dort nur ein Profil, weil ich da Kassetten verkaufen wollte. So stumpf, so öde. So, die habe ich verkauft. Das waren Gay-Pornos, die mir zufällig in den Schoß gefallen waren.


Toni: Die waren übrigens gut, die Pornos.

Jost: Die waren vor allem schwer. Ich habe drei Umzugskartons Gay-Pornos zu Hermes gerollt. Das war Knochenarbeit.

jette: Aber du sollst jetzt die Frage beantworten, ob du eifersüchtig wärst, wenn ich was mit Toni anfangen würde.

Jost: Ohm, wir haben ja so dieses Ding, dass wir voneinander wissen: Wir haben recht spezielle Interessen. Damit meine ich gar nichts Sexuelles. jette geht z. B. gerne edel essen. Das gibt mir überhaupt nichts, weil ich das beruflich immer mache und ich dabei Geschäfte mache. Deswegen bin ich froh über ne Stulle. Und so sehen meine Stullen auch aus. So, wenn jette da jetzt was mit Toni anfängt, weil Toni gerne Drei-Sterne-Restaurants in Deutschland bereist oder besondere Weinsorten mag, dann hätte ich überhaupt kein Problem damit. Weil ich weiß, dass sie etwas hat und auslebt, zu dem ich keinen Zugang habe. Genau so umgekehrt: Wenn sie keine Lust aufs Bergwandern hätte und du (zu Tabea) wärst eine Frau, die einen Wanderfreund suchst. Und dass da nach einem Essen oder nach einer Wanderung mehr passiert und du z. B. deine Sexfantasien ausleben möchtest oder jette auch gerne was gibt... manchmal.

jette:
...fallabhängig.

Jost: Klingt ein bisschen nach Prostitution...

jette: ... macht aber nix.

Jost: Macht aber nix. Ist normale Naturalienprostitution. Oder Unterhaltungsprostitution. Zu essen haben wir alle, unterhalten werden wir alle nicht. ... ja, dann habe ich damit auch kein Problem. Dann ist das so. Warum soll ich das dann eingrenzen und sagen: "Es war aber nur Essen gehen vereinbart oder nur edle Weine trinken oder nur wandern"? Natürlich ist mit einer dritten Person, mit der man unterwegs ist und der man sich widmet, relativ offen. Das Setting ist klar: Wandern gehen. Oder eislaufen. Oder reisen. Ja, dann findet das halt statt. Und wenn man sich auf ein Wochenende oder sowas einlässt, ist man sich dann so nahe, dass da ein bisschen mehr passiert. Ist so. Und dann kommt man wieder zurück zu einem Menschen, mit dem sehr viel zusammenpasst. Und bei uns passen relativ viele Interessen. Das ist das Glück. Es wird nicht geringer, weil andere auch passen.


Toni: Aber in den Fällen, die du erwähnt hast, befriedigt die dritte Person Interessen, die du nicht unbedingt befriedigen kannst. Wärst du eifersüchtig, wenn sich die Interessen überschneiden würden?

Jost: Genau. Also wenn's jetzt heißt, jette geht mit jemand anderem Bergsteigen. Da würde ich mich fragen, warum wir nicht zu dritt gehen? Dann würde ich sie das noch kurz erklären lassen. Und dann würde ich mir wünschen, dass so eine Antwort kommt: Weil ich diesen Dritten im Rahmen dieser Veranstaltung gerne einen Abend für mich alleine haben möchte. Und das könnte ich dann schon wieder akzeptieren. Warum nicht?

jette: Ich glaube, das würde aber schon eine Grenze überschreiten. Wenn du z.B. mit jemand anderem nach Sylt fahren würdest oder so.

Jost: Echt? Auch wenn es wieder nur Ihre Hochzeitsreise wäre?

jette: Ja. Also prinzipiell gehe ich schon konform damit. Wenn es Sachen sind, die ich selber gar nicht geben könnte, oder nur unter Aufgabe all meiner Selbstbeherrschung, dann ist es natürlich einfacher, wenn es ein Anderer übernimmt. Aber wenn es Sachen sind, die man auch zusammen machen könnte, und bei denen man einander als Gesellschaft auch mehr schätzt als Andere, dann ist es ja auch immer nicht so klar, ob es bei dem Anderen genau so ist. Ich würde ein Problem kriegen, wenn ein Anderer genau das Gleiche bei ihm auslöst, was ich jetzt auslöse. Oder die gleiche Wertigkeit hätte.

Jost: Das ist ja nicht der Fall.

jette: Natürlich nicht. Aber ich bin trotzdem manchmal auf Zeit eifersüchtig.

Jost: Das kenne ich. Zeit-Eifersucht erlebe ich nicht nur bei dir, sondern auch bei anderen Frauen. Ich habe einen extrem engen Kalender, ich habe einen extrem harten Beruf. Ich bin immer in der falschen Stadt. Man muss gut planen, manchmal Monate im Voraus. Auch Dates. Aber es darf halt nicht dahin ausarten, dass ich ein Date nach dem anderen habe. Irgendwann bin ich nur noch der Unterhalter. Ich brauche auch mal am Wochenende Zeit für mich. Nicht nur am Wochenende.

jette: Nee, ist ja richtig. Aber ich finde es wichtig, dass wir durch die Zeit, die wir miteinander verbringen, das gegen Andere abgrenzen, weil wir eben auch normale Sachen zusammen machen, einkaufen usw.

Jost: Aber du redest immer von quality time. Wie macht ihr (zu T&T) das denn? Macht ihr so einen Scheißdreck, Putzen etc. zusammen? Oder sagt ihr: Nee, den Mist können wir auch alleine machen. Wenn ich mich zu dem Anderen hinbewege, dann nur mit einem Plan.

Tabea: Haha, der war gut: Zusammen putzen?!?

Toni: ...zusammen putzen würde nicht funktionieren. Dazu sind unsere Putzphilosophien zu unterschiedlich.

Tabea: Ich mags auch, manche Dinge alleine zu machen. Da muss und will ich Toni gar nicht immer dabei haben. Die Zeit, die wir zusammen verbringen, ist für mich was besonderes. Das geht dann vor.

Jost: Ihr enthaltet einander vor, in gewisser Weise, weil bei euch keine Stadt oder kein Flug dazwischen ist. Bei uns ist es etwas Äußeres. Wir können immer sagen: Ich lebe hier, du bist da. Ich habe ein Projekt hier, du bist da unterwegs. Das ist was Äußeres. Es wäre spannend, wie es liefe, wenn jette drei Straßen weiter wohnte.

Toni: Danke für das Interview. :-)


jette und Jost gibt es nicht nur zum Lesen. Man kann sie auch live erleben. Beim Interview-Sex, beim fiesen Sex, beim Jagen, auf der Picknickdecke oder in ihrem Hotel. Gerne unter JostundJette@gmx.de



(Fotos © tabsie pictures)

Kommentare:

Lucy Lime hat gesagt…

Also, nachdem ich mich nun durch diese vielen Texte gearbeitet habe, komme ich zu dem Schluss (bzw. wurde nur noch mal bestätigt, was ich ohnehin schon wusste):

Die SM-Welt ist nicht Meine.
Echt nicht...

tabsie hat gesagt…

Liebe Lucy,

aber, das ist doch gar nicht schlimm!

*peitsche*

:-)

Im Ernst:
DIE SM-Welt ist aller Voraussicht auch nicht meine.
Aber meine kleine, selbsterschaffene SM-Welt ist sowas von meine :)- und darum geht's mir: Die verschiedenen Welten ein wenig zu beleuchten. Bis zu den Dingen, die ins Klo gehoeren (*00*) und mit Tieren zu tun haben (*katze*)....

jette hat gesagt…

Hui, ich glaube auch nicht, dass wir für DIE SM-Welt stehen... wir haben uns da auch unseren eigenen Definitionsraum geschaffen. Ich hatte gehofft, das käme im Interview raus... ist wohl nicht so. Deshalb sei es hier noch mal betont: Wir sind nicht DIE SM-Welt, sondern nur ein Aussschnitt, ein Teil des Spektrums. Und noch nicht mal der Teil, der so allgemein als das was SM ausmacht, angesehen wird.

tabsie hat gesagt…

Aus eigener Anschauung will ich sagen:

Wenn man jette & Jost gegenuebersitzt, hat man alles andere als das Gefuehl, einem Prototyp begegnet zu sein.

Eher so: Mich haben die beiden von der ersten Sekunde (...vielleicht war es auch die Zweite) an fasziniert, weil sie extrem bunt schillern. Darum auch der Versuch eines Interviews.

Danach muss ich sagen, dass ich den Eindruck habe, eine Schatzkiste leichtfertig, kurz geoeffnet zu haben, von dem Anblick deren Inhalts ueberwaeltigt wurde, und den Deckel wieder zufallen liess... Doch ich ahne, dass in dieser Kiste noch vieles zu entdecken waere - nicht nur billiges Sexspielzeug.

Toni Toronto hat gesagt…

Ich mag Definitionen, weil sie mir das Leben bisher erleichtert haben. Und ich fand, dass in diesem Interview einige Ecken von jettes und Josts Welt ihre Definition gefunden haben - was mir persönlich einen Erkenntnisgewinn verschafft hat. Also plädiere ich für mehr SM-Interviews bei 15 Minuten, solange mich niemand haut. :-)

Lucy Lime hat gesagt…

@Jette

Nein, das hab ich auch nicht so verstanden. :)

Mein Gedanke dazu: Kann es sein, dass SM, gerade weil es vor allem auf der psychischen Ebene greift, sich eigentlich NUR auf der individuellen Ebene, beziehungsweise im (geschlossenen) System einer bestimmten Paarbeziehung wirklich abspielen kann?

Ich denke, ich trete niemandem auf die Füße, wenn ich sage, dass bestimmte Praktiken zumindest...nun, befremdlich auf Außenstehende wirken können.

Aber eben aus dem Grund, weil sie Außenstehende sind, und, trotz aller Empathie doch immer irgendwie ihre eigenen Bewertungsmaßstäbe (die nun mal jeder hat, ob er will oder nicht) ansetzen?

Deswegen finde ich diese selbsternannten Doms ja auch so eigenartig, die zum Beispiel bei Joyclub rumstolzieren, und einem Mails schreiben, a la "Ey, bock, dich fesseln und hauen zu lassen...?!"

Meine Gedanken sind dann immer: "Hallöle? Ich bin ein extrem komplexes Individuum, Junge! Denkst du echt, dem kannst du mit ein bissel Haue Genüge tun...? Ich glaub, du hast da irgendwas an SM nicht verstanden. - Oder ich." :P

Ähm...wird deutlich, was ich sagen will? Oder muss Tony wieder Vienetta anbieten...?

Toni Toronto hat gesagt…

Mmmmmm, Viennetta! *schmatz*


PS: Ich heiß' Toni. ;-)

Lucy Lime hat gesagt…

Mit "y" siehts aber schöner aus! *find*